Vorträge des VOHM

 


Veranstaltungsort: Märkisches Museum, Witten, Husemannstraße 12

19.00 Uhr

Vortragstermine:

08.11.2018

Prof. Dr. Etienne Doublier

Ablassbriefe in Westfalen“

Abb.:  Stadtarchiv Bochum Propsteigemeinde Bochum, Pfarrarchiv Nr. 151

Der Ablass war ein durch den Papst oder einen Bischof unter gewissen Bedingungen gewährter Nachlass der individuellen Sündenstrafe und zählt gewiss zu den bedeutendsten Phänomenen der spätmittelalterlichen Frömmigkeit.

Dem Ablass war aber nicht nur eine enorme Popularität im Rahmen der spätmittelalterlichen Frömmigkeit, sondern auch eine große Bedeutung für die gesamte Geschichte Europas beschieden. Seit dem 13. Jahrhundert wurden nämlich herausragende Ereignisse des religiösen und nicht selten auch des politischen Lebens in Europa von Ablasserteilungen begleitet, nämlich: die Entdeckung, Eroberung und Christianisierung neuer Länder; die Krönung von Päpsten und Königen sowie der Bau neuer Kirchen, Brücken und Hospitäler.

Der scheinbar unaufhaltsame Erfolg des Ablasses wurde aber auch zur unmittelbaren Voraussetzung für seine radikale Infragestellung durch immer mehr „Reformkreise“. So begann die Reformation 1517 mit der Veröffentlichung der 95 Thesen und dem epochalen Kampf Luthers gegen den Ablass.

Im Vortrag wird es darum gehen, die Komplexität dieses Phänomens anhand von ausgewählten Beispielen aus dem westfälischen Raum zu erläutern. Ausgangspunkt der Überlegungen ist die Ablassüberlieferung im Landesarchiv NRW Abteilung Westfalen (Münster), bestehend aus ungefähr 200 noch im Original erhaltenen Ablassurkunden. Aus diesem umfangreichen Quellenbestand werden aussagekräftige Beispiele aus dem Zeitraum 1220-1520 präsentiert.

Der Eintritt ist frei. Auch Nichtmitglieder sind herzlich willkommen.


04.10.2018: Jann Höller, Sebastian Luke (Archäologie am Hellweg) und Dr. Olaf Schmidt-Rutsch (LWL-Industriemuseum): Aufgetaucht: Die Steinhauser Hütte“

Anfang des Jahres wurden bei Arbeiten zur Erschließung eines neuen Gewerbegebiets an der Straße „Drei Könige“ Fundamente der Steinhauser Hütte entdeckt. Schnell war klar, dass auf dem Gelände ein einzigartiger Fund gelungen war, sind doch Reste eines Stahlwerks aus der Anfangsphase der Industrialisierung bislang so nirgendwo erhalten.

Aus diesem Grund wurden die in immer größerem Umfang zu Tage tretenden Fundamente unter Bodendenkmalschutz gestellt und dokumentiert. Der Großteil der Funde wurde nach der Dokumentation wieder verfüllt und die Fläche wurde zur weiteren Nutzung freigegeben.

Aktuell stellt sich nun die Frage, ob nicht im Kernbereich des ältesten Teils der Anlage, des 1855 in Betrieb gegangenen Puddelwerks ein archäologisches Sichtfenster offen gehalten werden kann und sollte. Damit könnte gerade die frühe Stahlerzeugung dokumentiert werden, wie an bislang keinem anderen Ort. Und zukünftigen Besuchern könnten zudem in Erweiterung der Darstellung moderne Methoden im Vergleich anschaulich vermittelt werden.

Ein derartiger Ort fehlt bislang im Ruhrgebiet und ist darüber hinaus auch nicht vorhanden.

Der Vortrag am 04.10.2018 führt in die Geschichte und Bedeutung der Steinhauser Hütte ein und vermittelt einen Einblick in die Arbeit der Archäologen und die Möglichkeiten moderner Dokumentationstechnik. Gezeigt werden Methoden von der Fotogrammetrie bis hin zum Drohnenflug. Auch digitale Modelle der Anlage können gezeigt werden. Natürlich stehen die Referenten für Rückfragen und zur Diskussion zur Verfügung.


nachfolgender Vortrag findet zu einem späteren Zeitpunkt statt.

Dr. Olaf Schmidt-Rutsch (Dortmund)

Die westfälischen Provinzialausbildungsschiffe in Emden – eine vergessene Geschichte“

Mit dem Ersten Weltkrieg endete vor 100 Jahren auch ein heute weitgehend unbekanntes Kapitel regionaler Sozialfürsorge. Für zehn Jahre unterhielt der Provinzialverband Westfalen in Emden eigene Ausbildungsschiffe, um junge „Fürsorgezöglinge“ für den Seemannsberuf vorzubereiten.

Der Weg dorthin war lang und schwer. Er dauerte drei Jahre und führte von den Emder Schulschiffen zunächst auf die ostfriesischen Heringsfänger, wo die Jungen während der monatelanger Fangreisen die Härten des Berufs bei Wind und Wetter kennen lernten. Die Arbeit öffnete jedoch die Tür in die Handelsschifffahrt oder sogar auf die populären Kriegsschiffe der Kaiserlichen Marine.

Als zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit einer Gesetzesänderung die Fürsorgezahlen gerade in den industriellen Ballungsräumen extrem anstiegen, kam der westfälische Landeshauptmann Hammerschmidt auf die Idee, nach britischem Vorbild stationäre Ausbildungsschiffe einzurichten, auf denen Jungen für einen bestimmten Zeitraum für den Seedienst vorbereitet werden sollen. Die Heranziehung von Fürsorgezöglingen als maritimen Nachwuchs passte aber nur schwerlich in das positive Bild, dass im wilhelminischen Deutschland von der Bedeutung der Schifffahrt gezeichnet wurde.

Der Vortrag berichtet von Ursprung und Entwicklung der Schulschiffidee, die zu den westfälischen Ausbildungsschiffen führten, von der Gestaltung der Ausbildung und den Fangreisen zu den Heringsgründen, aber auch von den gesellschaftlichen Konflikten und individuellen Schicksalen.

Abb.o: Das westfälische Provinzialschulschiff „Klarzumwenden“ im Emder Hafen, 1908. (Repro: LWL-Industriemuseum)


06.09. : Stephan Sensen (Altena): „WasserEisenLand – Industriekultur in Südwestfalen“

Der Museumsleiter der Museen des Märkische Kreises stellt das Netzwerk „WasserEisenLand“ vor. Südwestfalen zählt zu den ältesten Montanrevieren Europas. Deutschlands drittstärkste Industrieregion verdankt ihr technisches Know-how einer jahrhundertelangen Spezialisierung auf das Metallgewerbe. Erzvorkommen, Waldreichtum und Wasserkraft begünstigten die Entstehung einer über 3000 Jahre alten Kulturlandschaft, die das Sauerland und Siegerland zum WasserEisenLand formte. Technische Kulturdenkmäler und Industriemuseen zeugen von dieser Geschichte.

350 Technikdenkmäler und Museen repräsentieren diese traditionsreiche Gewerbe- und Industriekultur Südwestfalens. Rund 50 davon sind seit 1996 in dem als Verein gegründeten Netzwerk „WasserEisenLand – Industriekultur in Südwestfalen“ zusammengeschlossen. Seit 2008 wurden die Projekte professionalisiert und vier von ihnen erhielten bei der „Regionale Südwestfalen 2013“ den Drei-Sterne-Status.

WasserEisenLand verfügt über professionelle Marketinginstrumente: Internetauftritte, Freizeitführer-Taschenbücher, touristische Übersichtskarten, Broschüren, einen Imageflyer, Messeauftritte, touristische Hinweisbeschilderung im Straßenverkehr und Infotafeln für die Kulturroute „Eisenstraße Südwestfalen“.

Schon jetzt ist das WasserEisenLand – nach dem Ruhrgebiet – Deutschlands erfolgreichste Industriekultur-Region und bietet viele interessante Ausflugsziele auch vom Ruhrgebiet aus.



05.07. 2018: Irene Rumpler, M.A.: „1895 – Kirchenstreit in Witten – Eine Auseinandersetzung mit Folgen“

Die Hintergründe des Konfliktes, der 1895/96 monatelang die Presse beschäftigte, untersuchte die Historikerin I. Rumpler. Sie ist Mitglied im Vorstand des Vereins für Orts- und Heimatkunde in Witten (VOHM). Der Verein hatte 2017 bisher unbekannte Dokumente übernehmen können, die mit dem „Kirchenstreit“ im Zusammenhang stehen. Nun sind die Dokumente ausgewertet. Sie ergänzen die Ereignisse in der Stadt Witten kurz vor der Wende zum 20. Jahrhundert.

Superintendent Friedrich König (1835-1914) beklagte im Jahre 1893. „Mit dem Frieden in der Gemeinde wäre es aus […], eine Verletzung der kirchlichen Ordnung, eine Nichtachtung des Presbyteriums und der Pfarrer.“ König hatte die Gemeinde in der Zeit der Industrialisierung und des starken Bevölkerungswachstums ausgebaut, drei neue Pfarrstellen eingerichtet und den Grundstein für die Gedächtniskirche gelegt (1945 zerstört). Alles schien auf einem guten Weg. Nur das neue Pastoren-Kollegium wuchs nicht wirklich zusammen. Zu groß waren die Differenzen in der rasch wachsenden Industriegemeinde.

Mittendrin in dem Konflikt standen Gemeindemitglieder, die sich entscheiden mussten, auf welcher Seite sie standen. Eineinhalb Jahre lang spitzte sich der Konflikt zu. Die Fronten verhärteten sich. Behördliche Hilfe wurde eingeschaltet. Am Ende stand ein Neuanfang, die Gründung der Wittener Kreuzkirchen-Gemeinde.

Johanniskirche um 1900 (Archiv VOHM)


07.06.2018: Prof. Dr. Jürgen Kloosterhuis (Berlin): „Grafen, Junker, Masseleyr. Haus und Hof der Grafen von der Mark zwischen Reiseherrschaft und Residenzenbildung, ca. 1288 – 1398“

Das Thema weckt manche malerische Vorstellungen, die sich um Hofdamen und Ritter, Turniergetümmel und Minnesang ranken – romantische Bilder, die aber angesichts einer spärlichen Quellenlage im südwestfälischen Raum des Spätmittelalters nur schwer nachgehalten werden können. Im Vortrag wird daher versucht werden, vor allem anhand von Archivalien, also von Urkunden, Aktenstücken, Rechnungen und Chroniken, die gesicherten Informationen zusammenzutragen, die wir von den Personen in der engsten Umgebung (den „Masseleyr“) der Grafen von der Mark von ca. 1290 bis 1390 besitzen. Betrachtet werden weiter Burgen und Grablegen als festliche Versammlungsräume, das Niveau des „Kanzleigebrauchs“, die Ansätze zur Ausbildung einer „corporate identity“ sowie der ideologischen Überhöhung der märkischen Landesherrschaft. Insgesamt bewegte sie sich im genannten Zeitraum zwischen „Reiseherrschaft“ und „Residenzenbildung“. Gegen Ende des 14. Jahrhunderts schien sich Wetter allmählich als weltlicher Vorort des sich langsam verdichtenden Territoriums abzuzeichnen – doch wurde diese Entwicklung durch den Tod des Grafen Engelbert III. von der Mark 1391 jäh abgebrochen. 


03.05.2018: Prof. Dr. Ralf Peter Fuchs: „Die Grafschaft Mark – ein Territorium und seine verschiedenen Wege der Reformation“

Die kirchenreformatorischen Entwicklungen des 16. Jahrhunderts nahmen in großen Teilen des Niederrheins und Westfalens einen besonderen Verlauf. Die Landesherren der Grafschaft Mark verstanden zu dieser Zeit etwas anderes unter „Reformation“ als die Kirchengeschichtsschreiber späterer Jahrhunderte, die diesen Begriff für die Protestanten vereinnahmten. Sie versuchten, Reformen im Sinne des Humanisten Erasmus von Rotterdam anzustoßen, ohne der Papstkirche den Rücken zu kehren. Dabei gestanden sie ihren Untertanen beachtliche Freiheiten bei der Gestaltung des lokalen Kirchenwesens zu. Der Vortrag geht auf die Folgen dieser Reformpolitik ein und stellt neuere geschichtswissenschaftliche Konzepte der Reformation vor.


01.03.2018: Prof. Dr. Fritz Rüdiger Volz: „Luther, das Geld und der Wucher“

Luthers Veröffentlichung von 1524: „Von Kauffshandlung und Wucher“ wird gerne zur Stärkung einer herrschaftskritischen Wirtschaftsethik herangezogen. Es reichen oftmals schon die Stichworte des Titels, denn Luther polemisiert kräftig gegen Wucher und Großkaufleute wie Jakob Fugger. Verkürzt gilt dann: Wucher = Kapitalismus und Fugger = Prototyp des homo oeconomicus.

Sieht man sich den Text genauer an, haben dieser Art Vereinfachungen keinen Bestand. Wohl aber kann man – wenngleich mit etwas Mühe – ein angemesseneres Verständnis der Voraussetzungshaftigkeit und der Komplexität der lutherischen Thesen und Argumente gewinnen. Diese Einsichten können dann auch helfen, Schwierigkeiten, Aufgaben und Elemente einer evangelischen – „theologischen“ – Wirtschaftsethik genauer zu bestimmen.

Der Vortrag will dies zeigen. Luthers Schrift soll „von hinten“ gelesen werden – d.h. in Umkehrung ihrer Entstehungsgeschichte. Besondere Aufmerksamkeit wird der von Luther selbst seiner Schrift vorangesetzte, geradezu existenzialistische, neuen Einleitung gewidmet.

In der gewählten Perspektive könnte sie dann durchaus als Präludium „jeder“ evangelischen Ethik gelesen werden. Die Moderne ist die Epoche, die dem Individuum alles zutraut. Wirklich alles: alles Gute, wie alles Böse. Luther gehört zu den Ersten, die diese „unerlöste“ Spannung von gleichzeitiger Überschätzung und Unterforderung des modernen Subjekts seelsorgerlich bedenkt und begleitet.


im Dezember 2017 hielt Prof. Dr. theol. Michael Basse den Vortrag:                

Die Reformation in Bochum und in der Grafschaft Mark 

im Vorfeld erschien dazu ein Artikel der WAZ:

WAZ-Witten-31.10.2017[13]


im November hielt Prof. Dr. Günter Brakelmann seinen Vortrag

„Das Reformationsjubiläum 1933 – Luther und seine Deutschen“

Prof. Brakelmann, Theologe und Historiker mit dem Forschungsschwerpunkt „Kirche und Soziale Frage“ wird die Ereignisse um das Reformationsjubiläum 1933 anhand seines umfangreichen Quellenmaterials rekonstruieren und darstellen. In kirchlichen Zeitschriften und Broschüren war das große Thema des Jahres 1933: „Hitler und Luther“.

Luther stand für die Reformation gegen die Machtansprüche des römischen Katholizismus. Hitler stand mit seiner „nationalen Revolution“ gegen jeden Internationalismus und für einen starken autoritären Nationalstaat gegen den demokratischen Staat.

Hitler hat weit über die NSDAP hinaus Anhänger für seine antiaufklärerischen, antiliberalen und antidemokratischen Ideologie und Politik gefunden. Besonders in kirchlichen Kreisen und im Milieuprotestantismus, der damals die Mehrheit der Deutschen umfasste, war die Zustimmung zu ihm weit verbreitet.

im September hielt Prof. Dr. Werner Freitag den Vortrag:

„Die Reformation in Westfalen: regionale Vielfalt, Bekenntniskonflikt und Koexistenz“. 

Westfalens Landkarte des 16. Jahrhunderts zeigt sich als Flickenteppich. In kleineren und größeren Territorien, aber nur in einer Reichsstadt (Dortmund), in kleineren und größeren Adelsherrschaften ging es darum, die Reformation einzuführen bzw. zu verhindern.

Werner Freitag, Landeshistoriker an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, unternimmt es in seinem Vortrag, die verschiedenen Verläufe der Reformation darzustellen und typologisch zu bündeln. Es gab städtische, landesherrliche, bischöfliche, sodann auf das Territorium bezogene ständische sowie „Adels- und Pfarrerreformationen“.

Der Blick des Vortrags richtet sich nicht nur auf die zentralen Ereignisse und Verlaufsformen der Reformation, sondern es wird auch der Alltag in den Pfarreien um 1550 untersucht: Wurden das neue Bekenntnis (in Westfalen war es das Martin Luthers) und die neue Liturgie (Luthers Deutsche Messe) tatsächlich eingeführt? Kam es zu einer von der Papst- und Bischofskirche klar geschiedenen neuen Kirchenorganisation? Erstaunliches kommt zutage: der unvollkommene Verwaltungsaufbau, die Existenz liturgischer Mischformen, die Kontinuität der Pfründen, aber auch das „Einsickern“ der neuen Lieder in formal katholisch gebliebenen Regionen Westfalens, wie etwa im Münsterland.